Die Kunst der Transcription

In Rom konzipierte Heribert Breuer während eines Villa-Massimo-Stipendiums im Jahre 1973 /734seine erste Transcription: Für Bachs nicht instrumentierten Schwanengesang - der Kunst der Fuge - entstand damals eine Fassung für vier polystilistisch besetzte Quartette, deren Ambitus von der Musica antiqua bis zum Modern Jazz reicht. Seit deren Uraufführung bei den Würzburger Bachtagen 1975 wurde diese Bearbeitung bei namhaften Festivals des In- und Auslandes stürmisch gefeiert. Sowohl die Münchner wie auch die Berliner Philharmoniker veranstalteten Sonderkonzerte und die im Bachjahr 2000 erschienene CD wurde als Tipp des Monats gehandelt: Hier ist Bach neu durchdacht, Breuers Konzept der vier Quartette durchleuchtet diese Bibel des Kontrapunkts ungewohnt, erzielt damit ungeahnte Transparenz. (Wolfgang Loeckle, Bayerischer Rundfunk)

Seit diesem bahnbrechenden Anfang hat sich Heribert Breuer immer tiefer in dieses Terrain eingearbeitet. In seiner Werkauswahl bevorzugt er Kompositionen, die eher ein Schattendasein fristen und die er deswegen „in neuen Kleidern“ einem breiteren Publikum erschließen möchte.

So entstanden im Laufe der Zeit abendfüllende Programme für die verschiedensten Besetzungen: Als profunder Kenner und Interpret der Bach’schen Orgelwerke fasste Breuer sechs der großen Toccaten, Fantasien, Praeludien und Fugen zu einem Konzertzyklus zusammen, in dem drei Bläsersolisten dem Streichertutti gegenübergestellt werden. Diese “Neuen Brandenburgischen Konzerte”wurden von den Professorenkollegen Roswitha Staege und Klaus Thunemann uraufgeführt und sind unter dem Titel “BACH - Metamorphosen” veröffentlicht. Neben einzeln stehenden Transcriptionen von Praeludium und Fuge in Es-dur BWV 522 und d-moll BWV 546 (”für das barocke Festorchester”) ist als zweiter Zyklus die Bearbeitung der sog. “Großen Orgelmesse”in eine Orchestermesse MISSA INSTRUMENTALIS hervorzuheben. Hier ging es Breuer nicht darum, den spezifischen Orgelklang auf ein Orchester zu übertragen, wohl aber sollte der Programmradius der Bachschen Orchesterkompositionen erweitert werden. Darüber hinaus war es sein Anliegen, dem Zuhörer die komplexe Struktur dieser Werke transparenter zu mache, als dies bei einem Orgelkonzert in zumeist halliger Akustik möglich wäre.

Breuers vornehmliches Ziel ist niemals der hybride Versuch, die Kompositionen zu “verbessern”, sondern erhebt immer den Anspruch, deren Geist notengetreu widerzuspiegeln. “Notengetreu” heißt für ihn allerdings nicht “Buchstabengetreu”. Als Komponist fühlt sich Breuer immer auch seinem eigenen schöpferischen Impetus verpflichtet. Dies unterscheidet ihn wohl grundlegend von einem bloßen Arrangeur: Breuer komponiert oft auch Stimmen hinzu und erreicht damit eine Sublimierung des Klanges und der Ausdruckskraft eines Werkes. Dennoch - oder gerade deswegen - schrieb einmal ein Kritiker: “Breuers Transcriptionen sind so beschaffen, als wenn sie vom Komponisten des Werkes selbst verfasst wären.”

Von seinem Lieblingskomponisten Mozart hat Breuer ein ganzes Konzertprogramm für Sopran, Bläsernonett und Kontrabass bearbeitet, dessen Zusammenstellung einer dramaturgisch fundierten Formidee folgt. In beiden Programmhälften erklingen zunächst eine der vierhändigen Klaviersonaten in der Fassung für das Ensemble-Tutti, dann - als stiller Mittelpunkt - einer der tiefsinnigen Einzelsätze (Rondo KV 511 und Adagio KV 544) aus dem Spätwerk, diesmal für Quintettbesetzung und jeweils abschließend die Einbeziehung der Sopranstimme als jubelndes Finale.

Eine Verbindungsbrücke zwischen Bach und Mozart schlägt Breuer durch die Kombination aus der letzten, unvollendeten Fuge aus der Kunst der Fuge mit dem Mozart’schen Requiem: hier wird die Totenmesse auf Bachs Tod angestimmt.

Aus dem Bereich der Romantik liegen vor allem Vocalbearbeitungen vor: Die Vier ernsten Gesänge von Brahms, Sololieder von Wolf, Schumann und Reger in Transcriptionen für gemischten Chor und obligate Soloklarinette. Alle diese Werke entstanden aus der Praxisfür die Praxis: Breuer hat sie seiner 1991 gegründeten Berliner Bach Akademie sozusagen auf den Leib geschrieben. In diesem Zusammenhang darf auch der Schubert-Zyklus erwähnt werden, den er zum 175. Todestag des Komponisten am 19. November 2003 konzipierte. Fünf Chorkompositionen (mit Begeleitung eines Bläserquintetts) werden mit drei Instrumentalwerken kombiniert: Fantasie f-moll op 103, Valses nobles et sentimentales und die hier vorliegende “Arpeggione - Sonate”. Deren Bearbeitung entstand bereits zwei Jahre zuvor und wurde von David Geringas uraufgeführt, der nach der CD-Produktion bekannte: “Breuers Bearbeitung ist zu einer zweiten, neuen Komposition geworden, die ihren Platz ebenbürtig neben dem Original einnimmt”.

Heribert Breuer